TEMPI | SASKIA WENDLAND
OPENING ON 30 MAY FROM 6PM | SHOW UNTIL 26 JUNE
OPEN WEDNESDAY THROUGH FRIDAY FROM 3 TO 7PM
Sigmaringer Str.23 | 10713 Berlin
zur Ausstellung
Von Präsenz spricht man. Meint den eindrucksvollen Auftritt. Bei Wendlands zeichnerischer Arbeit aber immer auch das Tempus, die Zeitform. Also Präsenz mit Betonung auf der zweiten und der ersten Silbe. Zeit, richtiger Tempi – im Plural – ist schon lange die Konstante in Wendlands Arbeit. Eine allerdings stets neu modulierte, schließlich choreographierte Konstante. Denn Tempi ist Plural vom musikalischen Tempo (nicht von der Zeitform tempus (!)). Also z.B. ‚Andante grazioso‘ oder ‚Presto‘. Kommt bei Wendland alles vor. Denn die Bewegung, ihr Tun, kann zu Beginn sehr langsam sein, langsam eher noch als bedächtig, dann bewegt, heftig bewegt und schließlich sehr schnell, geradezu fulminant. Eine sozusagen sich überschlagende Zeit, die es ja eigentlich gar nicht gibt.
Es soll um die Arbeiten gehen, mit denen Wendland ihre zweite Einzelausstellung bei Vincenz Sala bestreitet. Insbesondere Jahrgang 2026, aber nicht nur. Immer noch Zeichnung nur ist mancherlei dazugekommen: Pinsel, auch im übergroßen, selbst gezimmerten Format, Tusche und was es an Utensilien zu deren Anrichten und Verarbeiten so braucht. Auch eine andere Zeit. Meint ein umständlich-umsichtiges Anrichten der Tusche, dann der Utensilien; ein langer Vorspann zum schließlich plötzlichen Akt. Mit dem also die Zutat Zeit auf den großen Moment zusammensurrt.
Von Choreographie muss die Rede sein, weil, wie stets bei Wendland, es um einen komponierten Verlauf der Zeit geht. Um Tempi, die sie bisher mitunter auf mühsame Länge gezogen hat. Dafür mögen hier ebenfalls ausgestellte Arbeiten stehen: Ihre in langen Stunden, auch im eher kleineren Format, Punkt für Punkt ausgefächerten Kreise. Die rote Zirkelform in – fast scheint es – perforiertem Papier, das die mit dem Ausstechen des Kreises handwerkliche Arbeit als in der Zeit gestreckte Performanz vorstellt.
Und doch hat dieser Kreis schließlich seinen Auftritt, glüht verhalten im Raum.
Mit Ihren jüngsten Arbeiten wird der Auftritt allerdings schließlich – eben das: fulminant. Natürlich hat es auch hier den langen Vorspann, die Zurichtungen von Pigment und Pinsel. Dann der kalkulierte Auftrag aufs Papier, der warten muss, bis sich das Liquide der Tusche im Pinsel fast schon verloren hat. Es ist eine andere Performanz, ein Tun zu einer anderen Melodie. Und es muss, wie ästhetische Theorie vorgab, Experiment sein, das noch den/die Künstler/in überrascht. Aus Ahnung und Einsicht hat Wendland mit der ihr eigenen streng beherrschten Konsequenz zu diesem komplex aufgesetzten Experimentieren gefunden. Ein Arbeiten, das im Spektakel kulminiert und dabei schließlich, fast einem Feuerwerk gleich, aufleuchtet.
Noch ein Wort zu Papier und Tusche. Die trägt Wendland mit diesen teils übergroßen Pinseln so auf, dass man meinen könnte, da sei ins Papier tätowiert. Eine Materialität der zum Pigment konvertierten Tusche, die noch einmal vom Skulpturalen richtig verstandener Zeichnung handelt. Wie Kohlenstaub und doch luftiger, ins Papier gravierter Dunst. Nicht mehr Rot! Blaue Tusche und es werden daraus blaue Wolken. Wendlands Zeichnung kann verblüffend schnörkellose, aufs Material reduzierte Schönheit. Und nun in Blau.
Es ist aber vor allem und wieder die Zutat Zeit und deren fein modulierte Dosierung; es ist Wendlands Performanz, mit den unterschiedlichen Tempi des Vorspanns und der Zurichtungen, die schließlich im Schlussakt kulminieren. Diese auf die Spitze getriebene Choreographie betreibt das Wagnis des Experiments, das mutig mit und gegen das Beherrschen-Wollen antritt und sich der sicher drohenden Überraschung stellt.
Nachsatz: Bei genauem Hinhören könnte man meinen, dass da der Tusch in der Royal Albert Hall aus Hitchcocks „The man who knew too much“ noch leise nachklingt. Übrigens steht in der Neuverfilung aus dem Jahr 1956 Bernard Hermann selbst am Pult und das Stück mit dem Tusch, komponiert von Arthur Benjamin, heißt passender Weise: Storm Clouds Cantata. Das Spektakel der Sturmwolken noch im kleinen Format und nun in Blau.